ANSI-Modus

Mailbox-Software der 90er

Hinter einer Mailbox steckte selten ein einzelnes Programm. Je nachdem, ob eine Box nur Anrufer annahm oder auch an einem Netz teilnahm, arbeiteten mehrere Programme zusammen. Auf der Seite der Anrufer kamen Terminalprogramme und Übertragungsprotokolle dazu. Diese Übersicht stellt die bekanntesten vor.

Was lief wofür

ArtAufgabeBeispiele
BBS-SoftwareMenüs, Nachrichten, Dateien und Spiele für die AnruferRemoteAccess, PCBoard, Maximus
MailerAnrufe annehmen, Mailboxen von Menschen unterscheiden, Nachrichtenpakete austauschenFrontDoor, BinkleyTerm, D'Bridge
TosserNachrichtenpakete auspacken, einsortieren und neu packenFastEcho, Squish
TerminalprogrammMailbox anrufen, Bildschirm anzeigen, Dateien übertragenTelix, Telemate, Terminate
Offline-ReaderNachrichten herunterladen und ohne Verbindung lesenBlue Wave, CrossPoint
PackerDateien komprimierenPKZIP, ARJ, LHA

BBS-Software

  • PCBoard war eine kommerzielle Mailbox-Software, die vor allem in den USA bei großen Boxen mit vielen Leitungen beliebt war.
  • Wildcat! von Mustang Software war ebenfalls kommerziell und galt als einsteigerfreundlich.
  • QuickBBS und RemoteAccess waren in Europa weit verbreitet. RemoteAccess entstand als Weiterentwicklung im Stil von QuickBBS und war als Shareware für viele private Sysops erschwinglich.
  • Maximus von Scott Dudley war besonders in FidoNet-Kreisen beliebt und wurde später frei verfügbar.
  • Telegard und das darauf aufbauende Renegade waren vor allem bei jüngeren Sysops und in der Szene rund um ANSI-Art beliebt.
  • WWIV brachte ein eigenes Netz mit, WWIVnet.
  • Synchronet wurde Anfang der Neunziger entwickelt und wird bis heute gepflegt. Viele Telnet-Boxen laufen damit.

In Deutschland waren außerdem Programme verbreitet, die zu den heimischen Netzen gehörten, etwa Zerberus für das Z-Netz und MAUS für das MausNet. Mehr dazu unter FidoNet, Z-Netz und Co..

Mailer und Tosser

Ein Mailer saß vor der eigentlichen Mailbox. Er nahm jeden Anruf an und erkannte am Verhalten der Gegenseite, ob ein Mensch oder eine andere Mailbox anrief. Menschen reichte er an die BBS-Software weiter, mit Mailboxen tauschte er selbst Nachrichtenpakete aus. Außerhalb der Anrufzeiten wählte der Mailer selbst andere Boxen an.

  • FrontDoor von Joaquim Homrighausen war in Europa einer der verbreitetsten Mailer. In Deutschland wurde er von der ComDas GmbH aus Fürth vertrieben, mit deutschen Handbüchern.
  • BinkleyTerm war ein frei verfügbarer Mailer und besonders bei technisch versierten Sysops beliebt.
  • D'Bridge kombinierte Mailer und Nachrichtenverwaltung in einem Paket.

Ein Tosser wie FastEcho oder Squish verteilte die eingegangenen Nachrichten auf die richtigen Bereiche der Mailbox und bereitete ausgehende Nachrichten für den Versand vor.

Terminalprogramme

Anrufer brauchten ein Terminalprogramm. Es steuerte das Modem, zeigte die ANSI-Bildschirme der Mailbox an und übertrug Dateien. Unter DOS waren Telix, Telemate, Terminate, Procomm Plus und Qmodem verbreitet. Gute Terminalprogramme hatten ein Telefonbuch mit automatischer Wahlwiederholung und konnten Anmeldungen per Skript automatisieren.

Übertragungsprotokolle

Um eine Datei herunterzuladen, mussten Mailbox und Terminalprogramm dasselbe Protokoll sprechen. Die Protokolle sorgten dafür, dass Übertragungsfehler erkannt und betroffene Teile neu gesendet wurden.

ProtokollBesonderheit
XMODEM1977 von Ward Christensen, Blöcke zu 128 Byte, eine Datei pro Übertragung
YMODEMgrößere Blöcke und mehrere Dateien in einem Durchgang
ZMODEM1986 von Chuck Forsberg, schnell, startet automatisch und kann abgebrochene Übertragungen fortsetzen
Kermitvon der Columbia University, lief auf fast jedem System
BiModem und HS/Linkgleichzeitiger Upload und Download in einer Verbindung

ZMODEM setzte sich als Standard durch, weil es abgebrochene Downloads fortsetzen konnte. Bei teuren Ferngesprächen war das bares Geld wert.

Dateibeschreibungen

Damit Anrufer wussten, was in einer Datei steckt, brauchte jede Datei eine Beschreibung. Dafür gab es eigene Konventionen:

  • FILES.BBS ist eine Textdatei pro Dateibereich mit einer Zeile pro Datei.
  • DESCRIPT.ION stammt aus dem Programm 4DOS und funktioniert ähnlich.
  • FILE_ID.DIZ liegt im Archiv selbst. Die Mailbox liest sie beim Upload aus, sodass die Beschreibung vom Autor stammt und nicht vom Uploader.

WebCarrier BBS kann alle drei Formate beim Dateiimport einlesen.

Häufige Fragen

Welche Mailbox-Software war in Deutschland am verbreitetsten?

Das lässt sich nicht genau beziffern. Bei FidoNet-Boxen waren RemoteAccess und Maximus mit dem Mailer FrontDoor häufig anzutreffen, im Z-Netz Zerberus und im MausNet die MAUS-Software.

Kann man diese Programme heute noch ausprobieren?

Ja. Viele DOS-Mailbox-Programme laufen in DOSBox oder in einer virtuellen Maschine. Einige wie Synchronet und Maximus gibt es als freie Software, Synchronet wird weiterhin aktiv entwickelt.

Was war Shareware?

Software, die man kostenlos ausprobieren und weitergeben durfte. Wer sie dauerhaft nutzte, sollte sich beim Autor registrieren und bezahlen. Mailboxen waren der wichtigste Vertriebsweg für Shareware.

Stand: Oktober 2026