So lief ein Mailbox-Anruf ab
Wer eine Mailbox anrufen wollte, brauchte drei Dinge: einen Computer, ein Modem oder einen Akustikkoppler und ein Terminalprogramm. Das Modem verwandelte die Daten des Computers in Töne, die über die normale Telefonleitung liefen. Auf der anderen Seite übersetzte das Modem der Mailbox die Töne zurück in Daten.
Akustikkoppler und Modem
Der Akustikkoppler war die frühe und einfache Lösung. Man wählte die Nummer am Telefon und legte den Hörer in zwei Gummimuscheln. Ein kleiner Lautsprecher sprach in die Sprechmuschel, ein Mikrofon hörte an der Hörmuschel mit. Es gab keine elektrische Verbindung zum Telefonnetz, dafür waren Störgeräusche im Raum ein echtes Problem.
Ein Modem wurde direkt an die Telefonleitung angeschlossen. Es konnte selbst wählen, Anrufe annehmen und war schneller und zuverlässiger als ein Koppler.
Die Lage in Deutschland
In Deutschland hatte die Bundespost das Monopol auf das Telefonnetz. Bis Mitte der Achtzigerjahre waren nur posteigene Modems erlaubt, die man bei der Post mieten musste. Viele Heimanwender griffen deshalb zum Akustikkoppler. Später durften auch gekaufte Geräte angeschlossen werden, allerdings nur mit Zulassung des Fernmeldetechnischen Zentralamts, der FTZ-Nummer.
Zugelassene Geräte waren teurer und oft langsamer als Modems aus den USA oder Asien. Nicht wenige Mailboxbetreiber und Anrufer nutzten deshalb schnelle Modems ohne Zulassung, obwohl das nicht erlaubt war.
Der Ablauf eines Anrufs
- Wählen: Das Terminalprogramm schickte dem Modem einen Befehl wie
ATDT 0221 123456. Das Modem nahm ab und wählte die Nummer. - Abheben: Die Mailbox nahm ab und sendete einen hohen Dauerton. Damit war klar: Hier antwortet ein Modem, kein Mensch.
- Aushandeln: Beide Modems tauschten Töne und Rauschen aus, um sich auf Geschwindigkeit, Fehlerkorrektur und Kompression zu einigen. Das ist das bekannte Pfeifen und Krachen, das viele bis heute im Ohr haben.
- Verbunden: Das Modem meldete zum Beispiel
CONNECT 14400. Ab jetzt erschien auf dem Bildschirm, was die Mailbox sendete, meist zuerst ein farbiger Begrüßungsbildschirm. - Auflegen: Nach dem Abmelden oder wenn die Verbindung abbrach, meldete das Modem
NO CARRIER.
War die Leitung belegt, meldete das Modem BUSY. Viele Terminalprogramme wählten dann automatisch erneut, bis eine Leitung frei war.
Baudraten und Geschwindigkeiten
| Standard | Geschwindigkeit | Typische Zeit |
|---|---|---|
| V.21 | 300 bit/s | frühe Akustikkoppler |
| V.22 | 1.200 bit/s | Mitte der Achtziger |
| V.22bis | 2.400 bit/s | Ende der Achtziger |
| V.32 | 9.600 bit/s | um 1990 |
| V.32bis | 14.400 bit/s | frühe Neunziger |
| V.34 | 28.800 bis 33.600 bit/s | Mitte der Neunziger |
| V.90 | bis 56.000 bit/s | ab 1998, nur zu Internetprovidern |
Streng genommen sind Baud und bit/s nicht dasselbe. Baud zählt die Signalwechsel pro Sekunde, bit/s die übertragenen Daten. Ab 1.200 bit/s überträgt ein Modem mehrere Bits pro Signalwechsel. Im Alltag sagte trotzdem jeder Baud.
Die 56k-Modems brachten bei Mailboxen nichts. Die volle Geschwindigkeit war nur möglich, wenn die Gegenseite digital am Telefonnetz hing, wie bei Internetprovidern. Zwischen zwei normalen Modems blieb es bei höchstens 33.600 bit/s.
AT-Befehle
Der Modemhersteller Hayes führte 1981 eine Befehlssprache ein, die bald fast alle Modems verstanden. Jeder Befehl beginnt mit AT, kurz für Attention.
| Befehl | Bedeutung |
|---|---|
ATZ | Modem zurücksetzen |
ATDT | mit Tonwahl wählen |
ATDP | mit Pulswahl wählen, in Deutschland lange üblich |
ATA | Anruf annehmen |
ATH | auflegen |
ATS0=1 | beim ersten Klingeln automatisch abheben, wichtig für Mailboxen |
ATM0 | Lautsprecher aus |
+++ | aus der Verbindung zurück in den Befehlsmodus |
Telefonkosten
Für Anrufer war die Telefonrechnung der größte Kostenfaktor. Ortsgespräche waren günstig, Ferngespräche teuer. Viele riefen deshalb vor allem Boxen im eigenen Ortsnetz an und warteten für entfernte Boxen auf die günstigeren Tarife am Abend und in der Nacht. Mailboxbetreiber, die sich an Netzen beteiligten, legten ihren nächtlichen Nachrichtenaustausch aus demselben Grund in die günstigen Nachtstunden.
Häufige Fragen
Warum hat ein Modem so gepfiffen?
Die Modems haben hörbar ausgehandelt, wie sie miteinander reden. Sie testeten die Leitung, einigten sich auf die schnellste Geschwindigkeit, die beide beherrschten, und stimmten Fehlerkorrektur und Kompression ab. Nach der Verbindung schalteten die meisten Modems den Lautsprecher ab.
Was bedeutet NO CARRIER?
Carrier ist das Trägersignal zwischen zwei Modems. NO CARRIER heißt, dass dieses Signal weg ist, die Verbindung also beendet wurde oder abgebrochen ist.
Konnte man während eines Anrufs telefonieren?
Nein. Solange das Modem verbunden war, war die Leitung belegt. Wer zu Hause nur einen Anschluss hatte, war für die Familie in dieser Zeit nicht erreichbar.
Stand: Oktober 2026
