ANSI-Art und die Szene
Wer eine Mailbox anrief, sah als Erstes ein Bild: das Logo der Box, aufgebaut aus farbigen Zeichen, Zeile für Zeile über das Modem übertragen. Diese Bilder heißen ANSI-Art. Sie bestehen nicht aus Pixeln, sondern aus Textzeichen und Farbbefehlen, und waren deshalb klein genug für langsame Verbindungen.
Wie ANSI-Art funktioniert
Ein ANSI-Bild ist eine Textdatei mit zwei Zutaten:
- Zeichen aus dem Zeichensatz CP437. Der Zeichensatz des IBM-PC enthielt neben Buchstaben auch Block- und Linienzeichen wie █ ▀ ▄ ░ ▒ ▓ sowie ┌ ─ ┐ und ╔ ═ ╗. Mit den Halbblöcken lassen sich zwei Bildpunkte pro Zeichen darstellen, mit den Schattierungen weiche Übergänge.
- Steuerbefehle nach dem ANSI-Standard. Sie beginnen mit dem Escape-Zeichen und legen Farben fest, setzen den Cursor oder löschen den Bildschirm. Ein Befehl wie
ESC[1;33mschaltet zum Beispiel auf helles Gelb.
Möglich waren 16 Vordergrundfarben und 8 Hintergrundfarben auf einem Bildschirm mit 80 Spalten. Unter DOS sorgte der Treiber ANSI.SYS dafür, dass diese Befehle ausgeführt wurden. Terminalprogramme brachten ihre eigene Unterstützung mit.
ASCII, ANSI und mehr
- ASCII-Art nutzt nur die normalen Zeichen ohne Farbe. Sie funktionierte auf jedem Rechner und jedem Drucker.
- ANSI-Art nutzt Farben und die Blockzeichen des PC. Auf Rechnern ohne passenden Zeichensatz sah sie falsch aus.
- Animierte ANSIs bewegten den Cursor gezielt, sodass sich das Bild beim Aufbau veränderte.
- RIPscrip war ein späterer Versuch, echte Vektorgrafik in Mailboxen zu bringen. Es setzte sich nicht durch.
Die Art-Szene
Anfang der Neunziger entstanden Gruppen von Künstlern, die sich auf ANSI-Art spezialisierten. Die bekanntesten waren ACiD, gegründet 1990, und iCE, die bald darauf folgten. Die Gruppen gestalteten Logos und Begrüßungsbildschirme für Mailboxen und veröffentlichten regelmäßig Artpacks: Archive mit den neuesten Werken ihrer Mitglieder, die über Mailboxen verteilt wurden.
Wer als Sysop ein Logo einer bekannten Gruppe hatte, zeigte damit auch, dass seine Box in der Szene eine Rolle spielte. Viele Künstler fingen als Jugendliche in dieser Szene an und arbeiteten später als Grafiker, Designer oder Spieleentwickler.
Werkzeuge
Gezeichnet wurde mit eigenen Editoren, Zeichen für Zeichen. Unter DOS war TheDraw das verbreitetste Programm, später kam ACiDDraw dazu. Heute zeichnet die Szene mit PabloDraw und Moebius, die beide frei verfügbar sind und die alten Formate beherrschen.
Viele ANSI-Dateien enthalten am Ende einen SAUCE-Eintrag mit Titel, Künstler, Gruppe und Datum. So bleiben die Angaben auch erhalten, wenn die Datei weitergegeben wird.
ANSI-Art heute
Die Szene ist kleiner geworden, aber nicht verschwunden. Gruppen wie Blocktronics veröffentlichen weiterhin Artpacks, und das Archiv 16colo.rs sammelt Artpacks aus mehreren Jahrzehnten, nach Jahr und Gruppe sortiert und direkt im Browser anzeigbar.
In WebCarrier BBS lassen sich eigene ANSI-Bildschirme im Format CP437 hochladen und als Begrüßung, Menü oder Abschied verwenden. Wie das geht, steht im Sysop-Handbuch.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen ASCII-Art und ANSI-Art?
ASCII-Art nutzt nur die 95 druckbaren Zeichen ohne Farbe. ANSI-Art nutzt zusätzlich die Block- und Linienzeichen des PC-Zeichensatzes und Farbbefehle.
Warum sehen ANSI-Bilder im normalen Texteditor kaputt aus?
Weil der Editor die Datei meist als UTF-8 oder Windows-Zeichensatz liest und die Steuerbefehle als Text anzeigt. Richtig dargestellt werden ANSI-Dateien nur von Programmen, die CP437 und ANSI-Befehle verstehen, etwa PabloDraw oder ein Terminalprogramm.
Wo kann man alte ANSI-Art ansehen?
Die größte Sammlung ist das Archiv 16colo.rs. Dort lassen sich Artpacks nach Jahr und Gruppe durchsuchen und im Browser anzeigen.
Stand: Oktober 2026
